Menschenwürde

…oder die Frage: 
Darf man das Bild eines toten Jungen in den Medien zeigen ?
Seit gestern geht das Foto des kleinen toten syrischen Jungen Aylan um die Welt, zahlreiche Medien haben es gedruckt oder ins Internet gestellt. Das Bild sei ein Symbol für das historische Versagen unserer Zivilisation in dieser Flüchtlingskrise und soll Menschen zu Veränderungen in ihrem Handeln bewegen, so die rechtfertigende Argumentation.
Doch der Mensch hat eine Würde und diese Würde gilt auch nach dem Tod. Ich frage mich, ob es im Foto-Journalismus heutzutage eigentlich noch eine moralische Schmerzgrenze gibt. Hält man die Menschheit für wirklich so abgestumpft, dass es solcher Bilder bedarf, um Empathie zu erzeugen, Menschen zum Handeln zu bewegen? Dieses Foto stellt für mich eindeutig einen Missbrauch der Menschenwürde dar und ich bin zutiefst darüber beschämt. Ich möchte deshalb meinen Blog dafür nutzen, um mich bei diesem toten Kind für so viel Pietätlosigkeit, Unsensibilität und Sensationsbegehren zu entschuldigen und allen den Medien danken, die ganz bewusst auf die Veröffentlichung dieses Fotos verzichtet haben. Es gibt sie noch…die mit dem Gewissen. Aus meiner Sicht ist es ein Irrtum zu glauben, solche schrecklichen Bilder könnten grundlegend Veränderungen schaffen, sie führen lediglich zu noch mehr Abstumpfung und Aufweichung moralischer Grundsätze.
Ich würde mir wünschen, dass Journalisten zukünftig sich die Frage stellen, ob sie diese Fotos auch veröffentlichen würden, wenn es um ihre Angehörigen ginge. Ich würde mir wünschen, Journalisten würden sich mehr bewusst, was sie für eine ethische Verantwortung tragen.
“Grundlage jeder wahren Verantwortung und damit der höchsten Form von Menschenwürde bleibt es, sich darüber klar zu werden, was das, was man tut, wirklich bedeutet.”
Max Steenbeck

26 Responses to “Menschenwürde”
  1. Liebe Lotta,
    ich gebe Dir recht. Es ist unfassbar, dass es solcher Fotos bedarf, um die Verantwortlichen zum Handeln zu bewegen.
    Mich hat das Bld nur unsäglich traurig gemacht.
    Lieben Gruß
    moni

  2. Vorige Woche war in Österreich leider eben diese Frage aktuell. In einem Kleinlaster sind 71 Menschen erstickt. Es gab etliche Zeitungen die Fotos von dem geöffneten Laster gezeigt haben und einge ganz absichtlich nciht. Ich bin deiner Meinung – das ist nicht in Ordnung!

  3. "Ich würde mir wünschen, dass Journalisten zukünftig sich die Frage stellen, ob sie diese Fotos auch veröffentlichen würden, wenn es um ihre Angehörigen ginge".

    Liebe Lotta, ich war starr, als ich das Bild des kleinen Aylan gestern sah. So viele schreckliche Tragödien ereignen sich derzeit. Auch für mich überschreitet dieses Bild meine Schmerzgrenze bei weitem.

    Zu was ist sie nur verkommen, die unantastbare Würde des Menschen??

  4. Danke. Ja, das musste mal gesagt werden. Nein, der Zweck heiligt nicht immer die Mittel!
    Lieben Gruß

  5. Als ich las, dass dieses Foto durch die Medien geht, habe ich mir gewünscht, es nicht sehen zu müssen. Leider ging mein Wunsch nicht in Erfüllung und ich kriege das Bild nicht mehr aus dem Kopf.
    Man muss nicht alles veröffentlichen und man muss auch nicht alles sehen. Natürlich gibt es abgestumpfte Menschen, aber da hilft auch so ein Foto nicht.
    Du hast es sehr gut ausgedrückt, das mit den Journalisten und den Angehörigen. Derjenige, der dieses Foto "geschossen" hat, hat wahrscheinlich gut damit verdient. Da sind solche Gedanken wie -wenn es meine Angehörigen wären- ganz weit weg.

    Herzliche Grüße
    Margrit

  6. Danke für diesen Beitrag! Ich bin deiner Meinung und hätte gerne auf den Anblick verzichtet. Doch leider schwirrte es gestern nicht nur bei Facebook umher, nein auch in den Nachrichten musste das Bild gezeigt werden. Ich kann es nicht verstehen……
    Liebe Grüße
    Anette

  7. Ich bin dem Foto gestern Abend auch nicht entgangen, als ich mich zur Entspannung nach dem harten Tag ins Netz begab.
    Ich war mehr erschüttert & habe mehr geweint als beim Tod der Schwiegermutter am frühen Morgen. Ich befürchte auch, dass die, die eine Erschütterung dringend nötig hätten, sich davon nicht beeindrucken lassen, kann aber die Alternative, die meine Tageszeitung im Kulturteil gezeigt hat ( das Kind ist ausgeschnitten und die Lücke weiß ) auch nichts abgewinnen.

    Ich denke immer an das Foto aus dem Vietnamkrieg, mit dem nackt und verbrannt fliehenden Mädchen in der Mitte. Dieses Bild wurde umgehend zur kriegsanklagenden Ikone und hat dazu beigetragen, dass der Krieg immer unpopulärer in den USA wurde. Ich habe heute Gespräche geführt mit durchaus klugen Menschen, die in diesem Foto einen ähnlichen Aufschrei sahen…

    Der Zweck heiligt nicht alle Mittel, ich weiß. Aber momentan müssen so viele Knoten platzen…
    LG
    Astrid

  8. Es gibt Fotos, die mich ganz tief berührt und in mir etwas bewegt haben, wie z.B. Steve McCurry's Afghanisches Mädchen. Es hat aber eine ganz tiefe menschliche Würde. Und es zeigt einen lebenden Menschen.
    Ich glaube noch an die Kraft der Bilder – aber ich habe keinen Fernseher, der mich Bildern gegenüber abstumpfen lässt.
    Du fragst nach einer "moralischen Schmerzgrenze im Foto-Journalismus". Vielleicht gibt es sie bei manchen Journalisten, aber neben ihm steht dann leider einer, der sie nicht kennt.
    Liebe Grüße
    Andrea

  9. Liebe Lotta, im WDR-Fernsehen wurde das Bild eines bekleideten Kindes gezeigt, das offenbar bäuchlings am Strand angespült war. Das Gesicht war nicht zu sehen. Mir laufen auch jetzt die Tränen über die Wangen aus Mitleid mit diesem unschuldigen kleinen Jungen. Dennoch glaube ich, daß das Zeigen eines solchen Fotos zu verantworten ist, um begreiflich zu machen, daß es hier um schreckliche Realität geht, in der die Opfer Namen haben. Selbst wenn nur eine Handvoll Menschen dadurch wachgerüttelt und aus ihrer Gleichgültigkeit diesem schrecklichen Leid gegenüber gerissen wurden, rechtfertigt sich meines Erachtens dieses Foto. Ich persönlich schäme mich für Menschen, die Flüchtlinge, die alles verloren haben und nur ihr Leben retten konnten, beschimpfen, beleidigen, sie davonjagen möchten. Dafür schäme ich mich. Liebe Grüße Edith

  10. "Alle sollen es sehen", sagte der Vater von dem Kleinen, der seine ganze Familie im Meer verloren hat. Fotografin war übrigens eine Frau, und ich glaube, ich hätte es auch fotografiert. "Mein Gott, das könnte mein Kind sein", las ich heute von einem deutschen Vater in einem Kommentar. Ja, es ist purer Zufall, dass wir hier gut situiert in Deutschland leben dürfen. Es ist furchtbar, den Tod des Kleinen und so vieler anderer nicht verhindern zu können. Oder sind wir nur zu spät aufgestanden. Hoffentlich wachen jetzt genug auf, damit dieser Flüchtlingsstrom nicht ins Leere geht, sondern die Menschen ankommen können, menschenwürdig ankommen können. Was für Tage zurzeit… Sei lieb gegrüßt, Lotta! Ghislana

    • Ach liebe Ghislana, wenn diese Art der Foto-Berichterstattung gesellschaftsfähig wird, nur, weil es einer guten Sache dient, dann wird es in Zukunft keine Tabus mehr im Foto-Journalismus geben…und das macht mir Sorge…und nicht immer werden diese Fotos einer guten Sache dienen…messen wir dann mit zweierlei Maß? Öffnen wir damit nicht auch Tür und Tor für Manipulation am Bild, weil der Wettebewerb für das sensationswütigeste Foto ungeahnte Ausmaße annimmt? Warten die Ersthelfer am Ort in Zukunft, um dem Foto-Journalisten erst einmal Zeit fürs Bild zu geben? Wo ziehen wir da noch eine Grenze…Ganz liebe Grüße, Lotta.

  11. danke dafür, so richtige gedanken, ich pflichte dir so ganz und gar bei.
    ich finde es – wenn auch implizit, weil die intention wohl eine andere ist – so signifikant für die unmenschliche art und weise, in der mit menschen verfahren wird, die ihre heimat verlassen mussten. zutiefst schmerzlich, zutiefst verletzend.

  12. "Hält man die Menschheit für wirklich so abgestumpft, dass es solcher Bilder bedarf, um Empathie zu erzeugen, Menschen zum Handeln zu bewegen?"
    Meine Antwort ist ja. England hat sich aufgrund dieses Bildes bereiterklärt, 4.000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber zumindest etwas. Das Foto war grausam und ja, es verletzt die Würde dieses kleinen Menschen und seiner Familie. Aber wenn es letztlich dazu beiträgt, dass den "Sozialschmarotzer-Rufenden" der Zynismus im Hals steckenbleibt und sie rot anlaufen vor Scham und endlich zu HIlfe bereit sind, dann bin ich dafür, solche Bilder zu zeigen. Obama sollte gezwungen werden, sich dieses Foto jeden Tag eine Stunde anzuschauen – oder zumindest jedes Mal, wenn er wieder erklären lässt, der Flüchtlingsstrom aus dem Nahen Osten wäre ein Problem Europas.

    Katja

    • Ich bin nach wie vor der Meinung, die derzeitige Situation in Europa gibt uns noch lange nicht das Recht, so ein Foto zu instrumentalisieren, zumal gerade die Hintergründe des Fotos bekannt werden. Der Junge lebte bereits drei Jahre mit seiner Familie in der Türkei.

  13. Danke, liebe Ghislana, für Deinen mutigen Kommentar. Diese Gedanken habe ich aus meinem Kommentar wieder gelöscht, weil ich als erste eine andere Meinung vertreten habe. Ich habe Tränen in den Augen und bekomme Gänsehaut, wenn ich an den sinnlosen Tod dieses Kindes denke. Aber wenn das Foto auch nur etwas Umdenken bewirkt hat, war es richtig, es zu zeigen. Menschenwürde, wo ist sie geblieben in diesem Krieg? Edith

  14. Ich gebe Dir eigentlich recht, Lotta. Allerdings hat dieses Bild bei den Briten etwas ausgelöst und die Meinung der Bevölkerung geändert. Wäre natürlich schön gewesen, diese Veränderung hätte ohne das Bild stattfinden können.

    Ich war geschockt von dem Bild und es beschäftigt mich heute noch. Was in unserer Zeit auch nicht immer normal ist. Leider vergisst man doch schnell. Auch solche Tragödien. Einen Tick schlimmer fand ich allerdings, dass RTL ohne Vorwarnung Videoaufnahmen des toten Kindes veröffentlicht hat. Da musste ich dann richtig heulen. Weil es in diesem Moment RICHTIG real wurde. Schwer zu erklären…

    LG

  15. Liebe Lotta, ich bin alt, habe genug gekämpft, möchte meine Ruhe, respektiere Deine Meinung. Dennoch denke ich, daß es Zeiten gibt, in denen andere Maßstäbe anzulegen sind. Von Journalisten, die in Krisengebiete geschickt werden, die für solche Fotos oft ihr Leben riskieren, die völlig traumatisiert zurückkehren, weil die Realität viel schlimmer ist, als sie es sich vorstellen konnten, erwarten wir zu Recht, daß sie die Wirklichkeit abbilden, damit wir später nicht sagen können 'Davon haben wir nichts gewußt'. Durch die Fotos der Gräueltaten des 2. Weltkrieges, einmal gesehen und nicht wieder rauszukriegen aus dem Kopf, haben die Opfer ihre Menschenwürde zurückerhalten. Unrecht darf nicht verharmlost oder verschwiegen werden aus Rücksicht auf uns, damit wir besser schlafen können.
    Übrigens bin ich, selbst Mutter und Oma, mir sicher, daß dieser kleine tapfere Junge, dessen letzte Worte waren 'Hab' keine Angst, Papa', könnten wir ihn selbst fragen, uns antworten würde: "Ja, zeigt, was mir geschehen ist. Alle sollen es wissen… " Und ich schäme mich nicht, daß ich jetzt heule. Edith

    • Liebe Edith, ich kann deine Gedankengänge durchaus nachvollziehen…und auch deine Betroffenheit. Nein, Unrecht darf nicht verschwiegen und verharmlost werden, da bin ich ganz bei dir. Leider wissen wir nicht wirklich, was die letzten Worte des Jungen waren…und vielleicht würde uns seine Antwort, die er geben würde, so gar nicht gefallen…Was mich ansonsten zur Fotoberichterstattung noch für Gedanken umtreiben, habe ich bereits Ghislana geschrieben. Liebe Grüße.

    • Liebe Edith, ich finde, du hast sehr gut dargestellt, was Kriegsberichterstattung bedeutet, für uns, für die Reporter. Und auch deine Schlussfolgerung finde ich richtig.
      LG
      Astrid

  16. Hallo,
    bei den Journalisten und Fotografen gibt es leider keine Schmerzgrenze mehr. Ich finde es
    einfach ungeheuerlich was hier so alles gezeigt wird.
    Mehr mag ich jetzt nicht dazu schreiben.
    Aber vielen Dank für deinen Post.

    Lieben Gruß Eva

  17. Damals, nach diesen unseligen Zeiten in unserem Land, als endlich die Alliierten Deutschland von sich selbst befreite, gab es Fotografen, die die Soldaten begleiteten und fotografisch fest hielten, was sie im Land vorfanden, zum Beispiel auch in den Konzentrationslagern. Eine davon war Lee Miller, die die Herausgeberin ihrer Zeitschrift, der englischen Vogue, beschwor, die Fotos zu veröffentlichen. Aber nur die amerikanische Ausgabe veröffentlichte zwei.
    Ich bin Lee Miller dankbar, dass sie das Gesehene so dokumentiert hat, sonst würden diese Unbelehrbaren, die sich ja auch bei uns wieder so grauenhaft zu Wort melden, noch mehr Menschen mit ihrem Anzweifeln dieser Wahrheit infizieren können. Solange es solche Leugner der Tatsachen gibt, sind solche Mittel ab und an gerechtfertigt.
    Mein Post zu dieser ungewöhnlichen Frau ist hier zu finden:
    http://lemondedekitchi.blogspot.de/2014/11/great-women-4-lee-miller.html
    LG
    Astrid

    • Liebe Astrid, ich gebe dir völlig recht, Kriegsberichterstattungen durch Fotos ist wichtig, gar keine Frage. Allerdings darf es erlaubt sein, über das "wie" zu diskutieren. Alle die toten Menschen auf den Bildern können wir ja nicht mehr nach ihrer Meinung fragen, auch nicht den kleinen Jungen. Für mich persönlich ist beim Foto des toten syrischen Kindes eine Grenze überschritten worden und das habe ich mit meinem Post klarmachen wollen. Ich aktzeptiere natürlich, wenn andere da anderes Empfinden haben. Vielleicht habe ich aufgrund meines Berufes eine andere Auffassung über den Respekt vor dem Tod. Liebe Grüße.

  18. Hallo Lotta,

    ich finde, man sollte solche Fotos nicht zeigen, muss nicht sein.

    Auch bin ich immer sehr vorsichtig, Journalisten neigen dazu auch nachträglich noch Fotos zu inszenieren,
    ich frage mich manchmal ob es soweit gehen könnte ein totes Kind ins richtige Licht zu "rücken" ^^

    Ich glaube nicht immer daran, dass solche Fotos zufällig von einem Menschen am Ort gemacht wurden,
    sie sehen dafür eigentlich meist zu perfekt aus ^^

    Was natürlich noch schlimmer wäre, als es meines Erachtens nun schon ist. Das Foto dieses toten Jungen so zu zeigen hilft letztlich niemandem weiter, auch wenn einige es meinen.

    Man setzt es letztlich gezielt zur Manipulation ein und tritt die Würde des Toten mit Füßen.

    Die Flüchtlingsfrage kann man auch nicht damit zu aller Zufriedenheit klären.

    Hier wäre es sinnvoller die Menschen generell daran zu hindern in diese Boote zu steigen, was natürlich nur in den Abfahrtländern geschehen kann, welche ja leider teilweise in der Anarchie versunken sind. Letztlich ist der Schlüssel in diesem ganzen Dilemma darin zu sehen, den Menschen in ihren Herkunftländern ein ordentliches und friedliches Leben zu ermöglichen.

    Wie immer ein schwieriges Thema, welches in den nächsten Jahren wohl erschreckende Ausmaße annehmen kann und hierin sehe ich eine wirkliche Gefahr für den sozialen Frieden in unserem Land und in ganz Europa. Integration bedeutet übrigens auch immer einen gewissen Integrationswillen 😉

    Mein Beileid für die Familie des Jugen 🙁

    Liebe Grüße
    Björn

    • PS: Ich hoffe ich werde nicht falsch verstanden, ich bin generell für Hilfsbereitschaft. Mein Satz mit dem "hindern in diese Boote zu steigen" ist lediglich auf das Leib und Wohl der Menschen gemünzt, welche sich mit überfüllten Booten in Gefahr geben.

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