Früher…ja früher…

…war alles besser…

Ich bin durch meine Arbeit immer wieder mal konfrontiert mit dieser Aussage:
„Früher war alles besser…!“
…und kann es nicht mehr hören…
Mit „früher“ ist in diesem Fall die Zeit vor 1989 gemeint…
Keine Frage, in keinem Staat der Welt ist alles nur schlecht…auch die DDR-Zeit hatte ihre guten Seiten…So bin ich mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Frauen und Männer gleichberechtigt und es eine Selbstverständlichkeit ist, dass Frauen berufstätig sind. Eine Selbstverständlichkeit war auch, dass man als Kind in Kinderkrippen, Kindergärten und im Hort betreut wurde, ich behaupte jetzt mal, es hat mir nicht geschadet. Gemeinschaft bedeutet Glück…und bis zum 9. Lebensjahr hatte ich eine recht glückliche Kindheit.
Das Schicksal führte dann dazu, dass meine weitere Kindheit durch ein christliches Elternhaus geprägt worden ist…und damit fingen die Probleme an. Ich mag hier nicht wirklich weiter ins Detail gehen, nur so viel: Meine Stasi-Akte habe ich bis heute nicht eingesehen, weil ich eigentlich gar nicht wissen will, wer mich alles in meinem Umfeld bespitzelt hatte. Ich befürchte, ich könnte nicht verzeihen.
Gemeinschaft bedeutet Glück, aber auch Freiheit bedeutet Glück. Vor 1989 gab es in der DDR weder Reisefreiheit noch Freiheit im Denken. Vielleicht hätte ich mich mit der beschränkten Reisefreiheit noch irgendwie arrangieren können, was es heißt, keine Freiheit im Denken zu haben, kann nur der ermessen, dem das freiheitliche Denken selbst verwehrt worden ist.
Im Gegensatz zu Rike durfte ich das Abitur machen, warum, dass weiß ich bis heute nicht so genau. Ich vermute, dass ich einfach riesiges Glück hatte und manchmal in solchen Gremien (die darüber entscheiden, wer Abitur machen darf und wer nicht) eben auch Leute saßen, die im Grunde ihres Herzens wohlwollende Menschen waren und die selbst nur auf irgendeine Weise in diesem DDR-Staat überleben wollten. 
Rike vom Blog Nieselpriem hat diesen DDR-Staat sehr anschaulich beschrieben.
Nein…früher war nicht alles besser…ganz im Gegenteil.

17 Comments

  1. nein früher war nicht alles besser. Für mich als Wessi ist es auch heute noch unverständlich, dass der Staat darüber entschied wer in der DDR Abitur machen durfte, bei mir haben meine Eltern damals entschieden "für ein Mädchen reicht Realschule", basta. Auch das wäre heute nicht mehr möglich, dass ein Kind trotz Begabung nicht auf eine höhere Schule gehen darf.
    mein letzter Post dreht sich zufällig auch um das geteilte Land.
    Dir eine gute Zeit,
    Judika

  2. Lotta, ich hab alles gelesen und bin beeindruckt, dass du es so schreiben kannst. Auch im anderen blog habe ich jedes Wort in mich aufgenommen. Ich habe nur Menschen aus der DDR kennengelernt, die sie verklären. Alles ältere Semester. Und konnte vieles nicht glauben. Erst vor zwei Jahren lernte ich wieder eine Frau, eine Apothekerin kennen, die mir doch glatt sagte, das alles sehr gut gewesen ist. Ich habe genickt, was soll man denn auch anderes machen.

    Sigrun

  3. Oh je, was für ein Thema – da könnte ich ja Romane verfassen.

    Ehrlich – für mich war früher nichts besser.
    Geprägt durch christliche Großeltern, meinem Vater, der den Wehrdienst verweigerte – dafür ins Gefängnis musste und dann einen Ausreiseantrag stellte, waren wir unter Dauerbespitzelung.

    Das mit der Gleichberechtigung sehe ich auch etwas anders. Die Frauen waren zwangsgleichberechtigt im Job. Zuhause hielten sich die meisten Männer genauso von den Pflichten fern wie im Westen. Es gab auch eine nicht geringe Zahl von gut situierten Familien, bei denen die Frau auch „nur“ halbtags arbeiteten. Deren Kinder waren die „Mittagskinder“ und wurden glühend beneidet. Ich habe es gehasst bis zum Schluss im Hort zu hocken. Meine Seele hätte ich verkauft dafür, öfters mal Mittagskind zu sein. Gott sei Dank hatten mir meine Eltern aus ideologischen Gründen den Kindergarten erspart. Die ganze Betreuung von morgens bis abends war ja keine liebenswerte Geste an die Mütter, sondern politisches und ökonomisches Kalkül.

    Während mein Vater die pure Opposition war, versuchte meine Mutter ein Paralleluniversum aufzubauen. Sie arbeitete in „der Kunst“ und hatte da viele Gleichgesinnte um sich. Sie buchte Linienflüge nach Budapest, suchten unter der Hand Privatunterkünfte in Ungarn und bescherte uns tolle Urlaube ganz ohne den FDGB. Sie besorgte mir gebrauchte Westklamotten von Kollegen und lebte eine Art von DDR-Bohème.

    Vor kurzem habe ich mir ein Klassenfoto angesehen, auf dem alle im FDJ Hemd posieren, außer meine Freundin und ich – bin ich stolz drauf. Das war‘s wert, dass ich von Klassenfahrten ausgeschlossen wurde, natürlich kein Abi machen durfte. Dem Jugendwerkhof bin ich wahrscheinlich nur knapp entgangen.

    Wenigstens ein Fachabi hab ich dann im Westen an der Abendschule gemacht.
    Mit meiner Mutter gemeinsam habe ich im letzten Jahr die Einsicht in die Stasiunterlagen beantragt. Das kann immer noch bis zu 3 Jahren dauern.

    Und Texte zu diesem Thema kann man gar nicht genug verfassen.
    Liebe Grüße

  4. Zu diesem Thema kann ich ja gar nichts beitragen, da alles nicht miterlebt. Ich weiß nicht, wie ich Erkenntnisse aus Stasi -Akten ertragen hätte…Gretels Einwände zur Gleichberechtigung scheinen mir bedenkenswert.
    Heute sind vielerorts so nachdenkliche Posts…
    LG
    Astrid

  5. Liebe Lotta,

    ich würde wohl alles wissen wollen – gerade weil ich das nicht verzeihen könnte. Einfach weil ich kein latentes Misstrauen haben wollen würde, gegen alle und jeden. Vielleicht wären einige Erkenntnisse hart zu verdauen, ich glaube, ich würde mich danach freier fühlen, den Menschen in meinem Umfeld gegenüber. Frei von Misstrauen.
    Wir haben ja schon darüber gesprochen, dass viele Vorurteile von Wessis aus den Aussagen "Früher war alles besser" im Osten genährt werden. Vielleicht macht es aber auch das eigenen Leben rückblickend weniger hart, weniger sinn- und hoffnungslos, wenn die Erinnerung ein gnädiges Ding ist. Wer sich sein Leben lang den Hintern für dne Arbeiter- und Bauernstaat aufgerissen hat und dann erleben muss, dass er einfach untergeht, der ist vielleicht auch frustriert, weil er vieles in seinem Leben als sinnlos betrachten würde, wenn er der Realität ins Auge sähe, dass früher eben nicht alles besser war. Das muss hart sein. Da ist es vielleicht einafcher, alles zu verklären. Außerdem kann man dann weitermeckern und das ist für viele ja auch lange antrainiertes Lebensmotto. 😉

    Herzlich, Katja

  6. Vielleicht muss man die Vergangenheit verklären, um sie zu ertragen.

    Da fällt mir auch noch ein Karl Valentin-Zitat ein: die Zukunft war früher auch besser:o)
    LG Donna G.

  7. Ich ziehe meinen Hut, liebe Lotta, habe Deine Zeilen aufmerksam gelesen. Wir Wessis sollten uns da eigentlich heraushalten. Auf jeden Fall sollte sich die ältere Generation in Ostdeutschland nicht beklagen. Wie wären deren Renten, hätte es keine Wiedervereinigung gegeben? In Westdeutschland war auch nicht alles gut. Die Berufstätigkeit einer Frau wurde nämliich mit der Geburt des ersten Kindes zwangsweise beendet, weil es keine Kita-Plätze gab. Dem entsprechend haben die meisten Frauen dieser Generation keine eigenen Rentenansprüche und müssen nach dem Tod des Ehemannes oft zum Sozialamt. Es war nicht alles gut, nicht im Westen und auch nicht im Osten. LG Edith

  8. Liebe Lotta, ich bin ein Westkind und habe mich damals riesig gefreut, als die ersten "Ossies" in Düsseldorf in den Containern einzogen! Wenn ich einen Trabi gesehen habe, habe ich jedesmal gehupt!
    Im Freundeskreis haben wir jemanden, der nach gestelltem Ausreiseantrag jahrelang unter Schikanen aus gepackten Koffern gelebt hat, bis es endlich soweit war.
    Wie es wirklich war, in der DDR großgeworden zu sein, kann ich mir nicht vorstellen. Angesichts der überaus interessanten Kommentare hat es jeder ein bisschen anders erlebt.
    Ich kann dich übrigens gut verstehen. Was du nicht weißt, macht dich nicht heiß. Nichts ist zermürbender als Mißtrauen.
    Gros bisou
    Sandra

  9. Nein, früher war es nicht besser und schon gar nicht in Bezug auf unser Heimatland. Ich hatte zwar das Glück, auf der westlichen Seite der Mauer geboren zu werden, aber ohne die Chance, eine Hälfte der Familie richtig kennenzulernen, die auf der anderen Seite ausharren musste und bislang nicht zur (N)ostalgie neigt…
    "Die gute alte Zeit verdankt ihr Dasein unserem schlechten Gedächtnis." (Anatole France)
    Liebe Grüße
    Andrea

  10. hm, das mit der Gleichberechtigung, der Kinderbetreuung usw., das sehe ich wie Gretel und aus den Gesprächen mit Freunden und Verwandten habe ich die Erkenntnis gewonnen, dass niemand dort die alte DDR wieder will, sondern sich aus beiden "Welten" gerne die für ihn positiven Aspekte zusammenfügen würde und wünscht.
    Ist ganz gut, wenn immer mal daran erinnert wird, dass das vereinte Deutschland keine Selbstverständlichkeit für immer war.
    Liebe Grüße – Monika

  11. Ich kenne all das nur aus Büchern und Dokumentarfilmen und für mich als frei aufgewachsenen Menschen, der immer alles tun konnte was er wollte, ist das alles schwer zu verdauen. Wirklich mitreden kann ich nicht, nur zuhören und mir von dem Gehörten meine Meinung bilden und die ist mit Deinen Worten identisch.

    Ich höre und lese von älteren Menschen manchmal, dass sie "ihre" DDR" zurückhaben wollen, denn es sei alles so viel besser gewesen als jetzt. Ich verstehe das auch nie, aber wie gesagt, ein richtiges Urteil möchte ich mir nicht erlauben. Aber mit Deinen Worten kann ich mich identifizieren.

    Nur glaube ich, würde ich die Akte sehen wollen. Und ja, ich könnte auch nicht verzeihen, aber vielleicht eben drum. Auf der anderen Seite… was bringt das heute? Nur noch mal zusätzliches Leid. Man sollte mit der Vergangenheit abschließen… ich weiß aber wirklich nicht, ob ich das könnte. Ich weiß es nicht…

    Liebe Grüße
    Sonja

  12. "Früher war alles viel früher mein Kind und der Himmel wird nie mehr so blau…" oder so ähnlich, viele sehen ja im Rückblick nur was sie schön gefunden haben.

    In der DDR war ich ein einziges Mal und da befand sie sich in der Auflösung, damals war ich auf der Wartburg und es sah ziemlich trist aus in Eisenach. Heute ist zumindest die Infrastruktur schöner.

    Ich finde Du hast es schön geschrieben, sicherlich war und ist auch in der BRD nicht alles Gold was glänzt, bei weitem nicht.

    Liebe Grüße aus dem Odenwald und noch eine schöne Zeit
    Björn 🙂

  13. Ob ich in die Unterlagen schauen wollen würde, Lotta?! Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Allerdings wüßte ich jetzt schon, dass die Personen bei mir im Herzen "unten durch" sein würden. Ob ich es aussprechen würde?? Dir einen angenehmen Abend, Nicole

  14. Ohne groß nachzudenken, dachte ich immer, dass ich sofort meine Akten hätte sehen wollen. Aber du bringst mich ins Grübeln. Da kann schon einiges im Leben wie ein Kartenhaus zusammenfallen.
    Aber mal ehrlich, war früher nicht tatsächlich alles besser? ;-))) Da hat die Kugel Eis nur 30 Pfennige gekostet. (dieser Einwand liegt nur an dem heißen Wetter heute).
    Liebe Grüße
    Jutta

  15. Liebe lotta, sehr nachdenkliche Worte… Ich finde Deine differenzierte Sicht sehr beeindruckend und auch, dass Du dies hier mit uns teilst. Vermisse ich diese oft in den öffentlichen Darstellungen und Rückschauen auf 'den Osten'. 'Nicht alles war gut. Nicht alles war schlecht.' So viel gab und gibt es dazwischen… Und jeder hat seine persönliche Geschichte, ist von ihr und den seiner Familie und seines Umfeldes geprägt. Mir ist es wichtig, dass wir mutig sein können, uns diese Geschichten zu erzählen und frei erzählen können.
    Die anderen Links muss ich noch lesen. Danke für Deinen Kommentar bei mir hierzu und den Hinweis hierauf. Dankeschön. Mich interessieren die Geschichten, die Sichtweisen, die Erlebnisse. Liebe Grüße, Doreen

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