Zahlen

Wenn „gefühlt“ zum Maß aller Dinge wird …

… und Zahlen, Fakten und Kompetenz keine Rolle mehr spielen …

Die Regierung macht es uns vor. Kompetenz und Ausbildung spielen bei der Besetzung der Ministerposten keine Rolle, allein die politische Karriere zählt. So begleitete eine ehemalige Medizinerin das Amt des Verteidigungsministers (und gab dabei Unsummen für Beraterhonorare aus), ein ehemaliger Politwissenschaftler erklärt uns derzeit, wie mit dem Coronavirus zu verfahren ist.

In den Social Media Foren, Blogs und Kommentarspalten tummeln sich selbsternannte Experten, deren größte Kompetenz aber die Reichweite ist. Die wichtigsten Kriterien scheinen zu sein, wie man in einer Sache „fühlt“ und ob man sich dabei politisch korrekt verhält. Am liebsten bewegt man sich dabei in seiner Komfortzone und lässt sich von Fakten nur ungern beeindrucken. Viel wichtiger als durch Taten zu glänzen, erscheint es, Haltung zu zeigen. So mutet es ziemlich verlogen an, wenn man angesichts seiner 160-m2-Eigentumswohnung auf Twitter beim Hashtag #WirHabenPlatz mitmacht, ohne ernsthaft vorzuhaben, einen Teil seiner Wohnung für Migranten zur Verfügung zu stellen.

Ein aktuelles Beispiel für „Halbwissen“ ist die Diskussion um das Coronavirus. Noch nie eine medizinische Fakultät von innen gesehen, fühlen sich aber offenbar viele in den Social Media Kanälen kompetent genug, ein umfassendes Urteil über Schwere und Verlauf dieser Erkrankung zu fällen. Da wird sich über „Hamsterkäufe“ und „Panikmache“ echauffiert und Vergleiche mit anderen Virusgrippe-Epidemien gezogen, obwohl wir bei der Coronavirus-Ausbreitung erst am Anfang stehen. Das ist etwa so, als könnten wir bei einer Wahl nach drei Stunden exakte Ergebnisse voraussagen, obwohl das Wahllokal noch sieben Stunden geöffnet hat.

Die Arroganz der selbsternannten Experten ist unerträglich, dabei plappern sie oft nur nach, was sie in den öffentlich-rechtlichen Medien oder auf Social Media Kanälen aufschnappen, anstatt kritisch zu hinterfragen und den eigenen Verstand einzusetzen.

In der Diskussion um das Coronavirus machen aus meiner Sicht eine Menge Unwahrheiten im Netz die Runde. Das hat leider auch damit zu tun, dass unsere Politiker sich vor allem auf das Beschwichtigen und Relativieren verstehen, Fakten verschleiern und Probleme nicht beim Namen nennen. So wurde schnell von offizieller Seite verbreitet, dass Mundschutz und Desinfektion sowieso nicht viel bringen. Der Hintergrund scheint hier aber zu sein, dass man sich nicht in der Lage sieht, die Bevölkerung ausreichend mit diesen Dingen zu versorgen. Erst Anfang März noch hatte das auswärtige Amt eine große Menge Hilfsgüter in den Iran versendet. Vermutlich nahm man die Gefahr einer Pandemie nicht so ernst.

Die Gefahr für unsere Gesellschaft, die vom Coronavirus ausgeht, scheinen nur wenige zu sehen. In einer Gesellschaft, die dem Jugendwahn verfallen ist, haben ältere Menschen offenbar keine Lobby mehr. Doch genau dieser Teil der Gesellschaft ist vom Coronavirus besonders betroffen – und zwar in mehrerer Hinsicht. Zum einen werden zukünftig deutlich mehr Intensivbetten zur Behandlung von Schwerstkranken benötigt als bisher, und die Sterberate wird mit zunehmenden Alter und Begleiterkrankungen deutlich ansteigen. Zum anderen ist bereits abzusehen, dass es aufgrund der Globalisierung in einem immer größeren Umfang zu Lieferengpässen wichtiger Medikamente kommen wird. Auch einen dritten Aspekt sollte man nicht außer Acht lassen: Unser Finanzsystem, bereits vor Ausbruch der Coronavirusinfektion auf wackligen Füßen stehend, wird nun massiv ins Wanken geraten. Wer glaubt, die Vorgänge in China hätten keinen Einfluss auf Europa, ist sehr naiv. Kommt ein Crash, dann ist im sozialen Bereich eine ausreichende finanzielle Versorgung nicht mehr gewährleistet, die Renten nicht mehr sicher, Sparguthaben null und nichtig.

Es hat schon fast etwas Schizophrenes, wenn man angesichts der vielen Probleme in Deutschland und Europa, die ziemlich sicher in den nächsten Monaten auf uns zukommen, lieber dazu aufruft, Probleme ferner Länder zu lösen, anstatt innerhalb Europas zusammenzustehen. Es grenzt an Selbstüberhöhung, wenn man so tut, als wäre man der Retter der Welt und Dinge verspricht, die man bei objektiver Betrachtung niemals halten kann. Es ist an Arroganz kaum zu übertreffen, wenn man Menschen in diesem Land durch die Bezeichnung „Nazi“ diffamiert, die durch Zahlen und Fakten auf Missstände hinweisen, nur weil man sich in seiner Parallelwelt davon gestört fühlt.

Laute Selbstüberschätzung drängelt sich immer vor die leise Kompetenz.

Justus Vogt